Bindungsangst – wenn Nähe zur Gefahr wird

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Menschen mit Bindungsangst leiden, wenn sie zu viel Nähe erleben. Einerseits sehnen sich Menschen nach Beziehung, andererseits fühlen sie sich eingeengt, wenn die Beziehung immer vertrauter wird. Das Spiel mit der Angst vor Bindung beherrschen die wenigsten. Meist wollen sie unbedingt eine Beziehung, rennen mit 150% in eine neue Beziehung hinein und überrollen den neuen Partner förmlich. Wenn dieser sich dann auch drauf einlässt, erleben beide die intensivsten und einmaligen Gefühle, die sie bisher mit einem Partner erleben konnten. Es fühlt sich an, als wäre man schon immer für einander geschaffen.

Doch schon bald kommen die ersten Anzeichen, die ersten Beengungen und die Bindungsangst macht sich breit und breiter. Dann gibt es plötzlich keine Freiheit mehr, der Partner ist ihm zu nah, zu oft da, klammert usw.

Für den Partner, der unwissend über das Phänomen der Bindungsangst ist, bricht dann eine Welt zusammen. Meist nach solch intensiven Momenten kündigt der Bindungsängstler die Beziehung auf, redet sich gekonnt heraus, gibt dem Partner geschickt die Schuld für das Scheitern dieser Beziehung und verschwindet so schnell er kann, ist nicht mehr zu sprechen, braucht plötzlich ganz viel Zeit und Raum.

Bis die Angst sich dann wieder verflüchtigt und seine Sehnsucht erneut in ihm aufsteigt. Dann merkt er, dass es da ja noch Gefühle in ihm gibt, die Sehnsucht erfasst ihn und plötzlich steht er wieder auf der Matte, möchte zurück in die Beziehung. Oft haben Bindungsängstler es auch geschickt heraus, den ehemaligen Partner wieder zu motivieren, selbst die Beziehung wieder herstellen zu wollen. So können sie später, wenn es wieder zu eng wird, ganz gezielt sagen, sie wären nicht der Auslöser für das erneute Beleben der Beziehung gewesen.

Eine Beziehung, in der ein Partner unter Bindungsangst leidet, ist nie auf Augenhöhe

Es herrscht ein stetes Ungleichgewicht. Es gibt oft keine Balance, sondern ständiges Investieren des gesunden Partners ist an der Tagesordnung. Immer, wenn er denkt, er hätte sich nun mit dem Partner  etwas aufgebaut, war dieser meist wieder mal weg (im OFF). Und der Partner hatte es raus, den anderen als Schuldigen dastehen zu lassen.

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Das Leid des Verlassenen gleicht der Hölle

Wenn der Bindungsängstler geht, ist dies für den Partner meist nicht verständlich. War er eben noch in tiefster und innigster Umarmung mit seiner Liebsten, ist er im nächsten Moment Single und steht alleine da. Wie um alles in der Welt sollte er das verstehen? Er kann es nicht verstehen, denn der Bindungsängstler weiß oft selbst nicht, dass er unter dieser Angst leidet. Nur die wenigsten sind sich dessen bewusst, noch weniger Menschen gehen in Therapie.

Somit bricht nun für den liebenden Partner die Welt zusammen. Es scheint ihm, als schieße seine Energie nur so aus ihm heraus. Meist versteht sind ihm die Gründe des Bindungsängstlers völlig unverständlich und so kurios, dass er die Welt nicht mehr versteht. Oft kann er kaum etwas daran ändern, dass er nun durch die Hölle geht, so schnell ist er total leer und ausgebrannt und manchmal ist es so schlimm, dass die Gedanken nur noch um ein rasches, erlösendes Ende seines Daseins kreisen. Wenn es seine erste Beziehung mit einem Bindungsängstler war, gibt es meist ein Comeback und eine weitere Hölle, durch die er geht, bevor er den Absprung schafft.

Das schnelle Aus trifft einen meist unerwartet

Wenn man keine Ahnung über Bindungsangst hat und dass der Partner darunter leidet, weiß man nicht, was einen erwartet. Dann zweifelt man wirklich sehr schnell an sich selbst und sucht Rat bei Freunden zu diesen eigenen Problemen, weswegen die Beziehung gescheitert sei. Dass es letztlich die Ängste der Partnerin waren, das erkennt man meist erst viel spät, denn die Hoffnung macht einem den Blick auf die Wirklichkeit nicht leicht.

Ist man normalerweise in Beziehungen auf Augenhöhe mit anderen Menschen, so wird dies in dieser Beziehungskonstellation nur schwer möglich sein, lange eine gesunde Balance zu halten. Schnell bringt der Bindungsängstler seinen Partner ins Ungleichgewicht. Meist schafft er es leicht durch seine Abwesenheit und die Distanz, den Partner geschickt in eine emotionale Abhängigkeit zu manövrieren. Dass dieser dann sein inneres verletztes Kind auslebt, ist ihm anfänglich auch nicht bewusst. Er merkt nur, dass er unsagbar leidet und keinen rechten Grund dafür finden kann, wenn er einmal einen Moment des rational Denkenden einnehmen kann in seiner großen Qual. Meist fehlt es ihm an Distanz zu sich selbst. In Beziehungen auf Augenhöhe vertraut man gegenseitig und behütet sich auch dementsprechend. Somit sich Verletzungen dort nicht an der Tagesordnung wie bei einem Bindungsängstler.

Zugegeben, der Partner eines Bindungsängstlers wird auch sein Päckchen zu tragen haben. Nicht ohne Grund wird er sich auf einen Menschen eingelassen haben, der keine wirkliche Bindung eingehen kann. Auch leiden sie selbst oft an Verlustangst, so dass sie ihren Bindungsängstler mit ihrem Verhalten dann erst recht in die Flucht schlagen. Der eine läuft weg, während der andere hinterher läuft.

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Aber die Liebe ist das größte unter ihnen

“Liebe allein reicht nicht”, sagt die Bindungsangst und betrügt sich damit selbst, denn die Angst ist Schutz vor Verletzung, also reine Eigenliebe. Dass diese Angst sich allzu oft in frühen Kindertagen bildete, ist dabei unerheblich. Sie wirkt auch heute noch.

Und wenn der liebende Partner erst einmal erlebt hat, dass es seine Liebste nach einer Weile ein Comeback will, wird in ihm die Hoffnung keimen, dass es doch noch einmal wieder wird. Diese Hoffnung ist dann der Grundstein dafür, dass er wieder und wieder durch die Hölle gehen wird. Irgendwann versteht aber auch dieser Partner: “Liebe allein reicht wirklich nicht! Bei diesem Menschen, wohlgemerkt.”

 

Das Schlimmste … sind die Höllenqualen

Das Schlimmste ist das unerwartete und unverständliche Hängen gelassen werden und das anschließende durch die Hölle gehen! Man weiß irgendwann vielleicht, warum das so geschieht, aber man spürt dann auch, dass man es nicht sein kann, dass es nur ein Teilaspekt von einem ist, der übermächtig wurde. Angestachelt durch die Bindungsangst und die Distanz des Partners. Man hat alle Arbeit, diesen Aspekt wieder zurück ins Gleis zu bringen. Danach erst kann man sich wieder als ganzheitliches Wesen betrachten und erneut auf Augenhöhe durchs Leben gehen.

Wenn man es schafft, immerfort in dieser Ganzheit zu verweilen, haben Menschen mit Bindungsangst keine Chance, sich in sein Leben zu drängen. Denn dies wäre eine andere Liebe gewesen, nicht so intensiv und nicht so einmalig. Dann hätte der plötzliche Liebesentzug keine Wirkung gezeigt und die Momente des verlassen werden einen nicht so hart erwischt. Dann wäre es nur eine minimale Veränderung im ganzheitlichen Dasein gewesen.
Aber dann hätte man sie sich sowieso nicht als mögliche Partnerin gewählt!

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Welchen Vorteile hat es, mit einem Bindungsängstler in Beziehung zu gehen?

Es kommt einem vor, als wäre man mit einem wunderschönen Vogel zusammen, der fliegen muss, dem die Freiheit in den Lüften sein eigentliche Lebenselixier ist. Wenn man sich mit solch einem Vogel einlassen kann, ihm seine Freiheit jederzeit lassen kann, dann hat eine solche Beziehung gute Chancen zu gelingen. Dies erfordert vom Partner ein hohes Maß an Disziplin und Selbstbeherrschung. Ist er auch eher distanziert und gern mit sich allein, kann die Bindung durchaus für beide ein Gewinn sein.